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Change & Transformation

Aus Breite wurde Tiefe: unsere eigene Transformation

Wir haben uns 2022 neu erfunden — von einer Marketing-Agentur zu einer KI-Transformationsberatung. Das war keine strategische Entscheidung aus der Position der Stärke. Es war ein notwendiger Schritt, der uns mehr über Transformation gelehrt hat als alle Projekte davor.

Joshua Martinez Hartmann·Gründer & Geschäftsführer, bundesweit.digital·Januar 2025·12 Min. Lesezeit

Die härteste Lektion war diese: Transformation, die wir anderen empfahlen, war schmerzhafter als erwartet, als wir sie selbst durchlebten. Das hat uns ehrlicher gemacht.

Joshua Martinez Hartmann

Warum wir uns 2022 neu erfunden haben

2021 war bundesweit.digital eine erfolgreiche Marketingagentur. Wir haben für mittelständische Unternehmen digitale Marketingstrategien entwickelt, Websites gebaut, SEO optimiert und Social-Media-Präsenzen aufgebaut. Wir hatten gute Kunden, ein stabiles Team und ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Und trotzdem war uns klar, dass wir uns auf einem Weg befanden, der nicht der richtige war. Der Markt für klassisches digitales Marketing wurde schneller austauschbar. Die Fragen, die uns wirklich interessierten — wie Unternehmen sich strukturell verändern, wie KI organisatorische Arbeit transformiert, wie Menschen in dieser Veränderung mitgenommen werden — hatten mit dem, was wir täglich taten, immer weniger zu tun.

Die Entscheidung zur Neuausrichtung kam nicht über Nacht. Sie reifte über Monate. Dann kam ein Moment, in dem wir aufgehört haben, sie aufzuschieben. Rückblickend war dieser Moment zu spät — aber er war der richtige.

Was wir über uns selbst gelernt haben

Das Erste, was wir lernten: Wir hatten selbst alle Fehler gemacht, vor denen wir unsere Kunden später warnen würden. Wir haben die menschliche Dimension der Transformation unterschätzt. Wir dachten, weil wir als Führungsteam überzeugt waren, würde sich diese Überzeugung übertragen. Das war naiv.

Nicht alle Mitarbeitenden teilten unsere Begeisterung für den neuen Weg. Einige hatten sich für eine Marketingagentur entschieden, nicht für eine KI-Beratung. Diese Spannung zu ignorieren wäre unfair gewesen — wir haben sie angesprochen, und einige Wege haben sich getrennt. Das war richtig, auch wenn es schmerzhaft war.

Das Zweite, was wir lernten: Unsere eigene Prozessgrundlage war schwächer als wir dachten. Als Marketing-Agentur hatten wir viele Dinge auf Zuruf erledigt. Für eine Beratung, die andere in strukturierte Transformation begleitet, war das nicht mehr akzeptabel. Wir mussten uns selbst das abverlangen, was wir von unseren Kunden erwarteten.

Die härtesten Momente der Transformation

Der härteste Moment war nicht die strategische Neuausrichtung. Er war das Gespräch mit dem ersten Kunden, dem wir sagten: ‚Das machen wir nicht mehr.' Wir hatten über Jahre eine Beziehung aufgebaut, Vertrauen entwickelt, Projekte gemeinsam erfolgreich umgesetzt. Und dann haben wir diesen Kunden weiterempfohlen — an einen Dienstleister, der besser zu seinen neuen Bedürfnissen passte.

Das fühlte sich falsch an. Aber es war richtig. Keine nachhaltige Transformation gelingt, wenn man gleichzeitig das Alte nicht loslässt. Kunden zu halten, die nicht zu dem passen, was man werden möchte, verlangsamt die Transformation — nicht nur bei einem selbst, sondern auch beim Kunden.

Der zweithärteste Moment war die Erkenntnis, dass wir in unserem eigenen Unternehmen keine klaren Entscheidungsarchitekturen hatten. Wir haben KI-Entscheidungsunterstützung für andere entwickelt, während wir intern auf informellen Abstimmungen und impliziten Hierarchien liefen. Das mussten wir ändern — und das war unbequemer als erwartet.

Was aus 150 Projekten wurde

In den ersten drei Jahren nach der Neuausrichtung haben wir über 150 Projekte begleitet. Nicht alle waren erfolgreich — einige haben wir früh abgebrochen, als klar wurde, dass die organisatorischen Voraussetzungen für Transformation fehlen. Das war jedes Mal die richtige Entscheidung, auch wenn sie kurzfristig schmerzte.

Was wir aus diesen 150 Projekten mitgenommen haben, ist mehr wert als alles, was wir in Büchern oder Konferenzen gelernt haben. Wir haben gesehen, was unter welchen Bedingungen funktioniert. Wir haben gesehen, wie Widerstände entstehen und wie sie sich auflösen. Wir haben gelernt, wann ein Projekt vorzeitig beendet werden sollte.

Aus diesen Erfahrungen ist TransformOS entstanden — unser Framework für AI-Transformation. Nicht als theoretisches Konstrukt, sondern als destillierte Praxis: das, was in unseren 150 Projekten immer wieder den Unterschied gemacht hat.

Was wir heute anders machen würden

Wir würden früher aufhören, die Kundenbasis zu schonen. In den ersten Monaten der Transformation haben wir versucht, alte Kunden zu halten, während wir neue Positionierung aufbauten. Das hat uns erschöpft und niemanden wirklich gut bedient. Klare Grenzen früher zu setzen wäre effizienter und ehrlicher gewesen.

Wir würden die Governance-Fragen früher stellen. In welcher Rechtsform entwickeln wir uns weiter? Wer hat welche Entscheidungshoheit? Wie werden strategische Entscheidungen getroffen? Diese Fragen haben wir zu lange pragmatisch übergangen — und das hat uns in der Wachstumsphase eingeholt.

Und wir würden uns früher trauen, das zu sagen, was wir sehen — auch wenn es unbequem ist. Die direkteste Aussage, die wir einem Kunden machen können, ist oft die wertvollste. Wir haben gelernt, dass Kunden, die diese Direktheit schätzen, auch die Kunden sind, mit denen echte Transformation möglich ist. Der Rest findet einen anderen Weg — und das ist in Ordnung.

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